Die Geschichte der (Mainzer) Leineweber

Die Leineweber gibt es schon seit rund dreißig Jahren. Ende der 70er Jahre bildete sich im Raum Hannover eine Tanzgruppe dieses Namens. Seit Anfang der 80er Jahre gibt es die Leineweber auch in Mainz.

Ein Dirndl bei den Leinewebern Ein altes Betttuch, bemalt und beschriftet als Willkommensgruß. Schon von der Autobahn aus sollten die erwarteten Gäste durch das bunte, an der Ziegelei flatternde Laken auf das Leineweberfest 1983 eingestimmt werden. Und was malt eine, die bis dahin noch nie ein Volkstanz-Bein bei den Leinewebern geschwungen hat - drei Jahre später aber dazustieß, heute noch dabei ist und jetzt diesen Text schreibt - und die nur eine Auftragsarbeit für ihre Leineweber-begeisterten Schwestern gestaltet, auf ein solches Laken? Sie malt ein tanzendes Pärchen - und zwar so, wie sie sich Volkstanz vorstellt: fröhlich, ein bisschen derbe und die Tänzerin im Dirndl. Die realen Leineweber sehen ein wenig anders aus, und Dirndl tragen die Tänzerinnen höchst selten. Trachten spielen bei den Leinewebern keine Rolle - weil bei ihrem Tanzen nicht die Brauchtumspflege im Vordergrund steht.
Folkmusic und Volkstanz Die Wurzeln des Leinewebertanzens liegen in den 70er Jahren. In der Musikszene dieser Zeit hatte "Folkmusic" einen festen Platz. Junge Leute hörten nicht nur Folk aus englischsprachigen Ländern, sondern entdeckten mit Liedermachern wie Hannes Wader und Gruppen wie Liederjan oder Zupfgeigenhansl auch die eigene Volksliedtradition neu. Der Zugang zum traditionellen Volkstanz war schwieriger, weil viele ihn nur als Sache von Trachtengruppen im Rahmen der Brauchtumspflege wahrnahmen. Junge Leute, die Gelegenheit hatten, traditionelle Tänze auch als zeitgemäße Ausdrucksform mit Gestaltungsmöglichkeiten kennen zu lernen, entdeckten aber auch diese Tradition.
Hartmut

Ein Hannoveraner Student mit Namen Hartmut, der sich für traditionelle Musik und Tänze interessierte, wurde damals zum "Gründervater" der Leineweber. Hartmut besuchte im März 1977 im Kreisjugendheim Gailhof bei Hannover ein Volkstanzseminar. Der dortige Tanzleiter begeisterte die Teilnehmer so für den Volkstanz, dass einige den Wunsch äußerten, regelmäßig weiter zu tanzen. Weil der Tanzleiter die Interessierten selbst nicht weiter unterstützen konnte, verwies er sie auf Hartmut: dieser könne Volkstänze nicht nur tanzen, sondern auch erarbeiten und vermitteln.

Hartmut wollte jedoch kein "Tanzleiter der alten Schule" sein. Er entwickelte bald seinen eigenen, von den Ideen seiner Zeit geprägten Stil. Die Erarbeitung der Tänze wurde zu einer Aufgabe der ganzen Gruppe, bei der jeder Einzelne Mitverantwortung übernahm. Auch politische Vorstellungen spielten eine Rolle, denn das Tanzen wurde in einem gesellschaftlichen Zusammenhang gesehen. Aus diesem Verständnis heraus entstand das ursprüngliche Logo der Leineweber, ein Saiteninstrument mit einer strahlenden Sonne, dem Symbol der Anti-Atomkraft-Bewegung. Die Gruppe arbeitete in der Anfangszeit sehr intensiv: jede Woche fanden Treffen zur Erarbeitung der Tänze und zusätzliche Musikertreffen statt.

Leineweber-Taufe Ein Bedarf, die Gruppe zu benennen, ergab sich auf einer Veranstaltung, bei der sie mitwirkte. Andere Teilnehmer wollten den Namen der Volkstänzer wissen, und in dieser Situation fanden diese für sich den Namen "Zunft der Leineweber". Einer, der damals dabei war, schrieb später über die Hintergründe: "Den Namen ‚Zunft der Leineweber' haben wir dem Spottlied ‚Die saubere Zunft der Leineweber' entnommen. Die Leineweber gehörten zu den ärmsten Handwerkern, ihre Zunft galt als unehrenhaft und wurde oft von den anderen Zünften verspottet. Die Leineweber litten schon früh unter der Mechanisierung der Arbeitsplätze. Bei der Namenswahl spielte für uns auch der Gedanke an den Aufstand der Leineweber in Oberschlesien eine Rolle."
Der Anfang in Mainz,... Dass bald nach der Hannoveraner auch eine Mainzer Leinewebergruppe gegründet wurde, ist Hartmuts Umzug an den Rhein 1979 zu verdanken. Seine Idee vom Mitmach-Tanzen hatte er im Gepäck, und schon nach kurzer Zeit fand er auch in Mainz Interessierte, mit denen er sie umsetzen konnte. Einen geeigneten Rahmen bot hier die städtische Volkshochschule, über die er Kontakte herstellte und Räumlichkeiten organisierte.

Die Mainzer Leineweber tanzten zunächst auf Musik von Kassetten und unter provisorischen Bedingungen auf einem Schulflur. Als die Alte Ziegelei in Mainz-Bretzenheim für eine neue Nutzung umgebaut wurde, erhielten die Leineweber 1981 die Chance, sich in einem der Räume einen Tanzboden zu bauen. Die Gruppe verschaffte sich den nötigen Sachverstand und errichtete über einer Unterkonstruktion aus Autoreifen, die bis zu einer bestimmten Höhe mit Sand gefüllt waren, einen Schwingboden, der für zukünftige Tanzaktivitäten ideale Bedingungen bot.

In der Folge etablierte sich das Volkstanzen der Leineweber zu einem festen Bestandteil des Kursangebotes der Volkshochschule Mainz.

...wie es weiterging... Hartmut verließ Mainz und zog wieder nach Niedersachsen, doch die Verantwortung für die Fortführung des Leineweber-Tanzens wurde von anderen Kursleitern und -leiterinnen übernommen, die sich dieser Aufgabe allein, zu zweit oder auch zu dritt stellten und heute noch stellen.

Das anfangs an der deutschen Volkstanztradition ausgerichtete Repertoire wurde schon früh auf internationale Tänze ausgeweitet; im Laufe der Zeit wurden internationale Tänze zum eigentlichen Inhalt des "Leineweber-Tanzens". Tänzer aus Israel, Frankreich und England sowie andere Zugezogene brachten aus ihren Heimatländern oder früheren Tanzgruppen Tänze mit. Ergiebige Quellen für neue "alte" Tänze waren außerdem zahlreiche Tanzfeste und Workshops im In- und Ausland, die von Leinewebern besucht wurden.

Seit ihrer Anfangszeit richten die Leineweber auch eigene Feste und Workshops aus. Besonders das Jahresfest der Mainzer Leineweber im Winter hat sich immer mehr zu einem Fest der Kontakte mit "Altleinewebern" und Tänzern aus anderen Tanzgruppen entwickelt. Die Hannoveraner Tänzer richten im Frühjahr meist in Norddeutschland ein großes Leineweberfest aus.

...und was sich sonst noch so entwickelte Als der Tanzboden in der Alten Ziegelei 1991 ernsthafte Schäden aufwies, wurden die Leineweber wieder zum Bautrupp und führten gemeinsam eine grundlegende Sanierung durch. Die Kontakte, die über das Tanzen geknüpft wurden, waren und sind die Grundlage für zahlreiche weitere gemeinsame Aktivitäten. Viele Freundschaften sind im Laufe der Jahre entstanden, Wohn- und Lebensgemeinschaften haben sich gefunden, und mindestens elf Kinder verdanken bisher den Mainzer Leinewebern ihr Dasein...

Historische Dokumente

Einladung zum ersten Leinweberfest. Die optische Qualität ist leider "echt historisch", aber man kann den Text eben noch lesen.

Rückblick auf die ersten zehn Leineweberjahre. Dieser Artikel erschien 1987 anlässlich des 10jährigen Jubiläums des Raschplatzpavillions, einem alternativen Kulturzentrum in Hannover, wo die hannoveraner Leineweber in ihrer Anfangszeit tanzten.
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